1887 errichteten Adolf Slaby und Georg Graf von Arco auf dem Glockenturm die erste deutsche Antennenanlage für drahtlose Telegraphie.
Von Slaby zum Handy

Das Kirchenschiff

Wie bei der nur wenig später errichteten Friedenskirche im Park Sanssouci dienten auch bei der Heilandskirche jene Sakralbauten als Vorbild, die von frühen christlichen Gemeinden aus den römischen Markt- und Gerichtshallen umgestaltet worden sind. Der königliche Bauherr bevorzugte, wie bei diesen Gebetshäusern üblich, eine einfache, flache Deckenkonstruktion im Gegensatz zum neugotischen Stil mit seinen hohen, gewölbten Hallendecken. Die frühchristliche Bauweise war für Friedrich Wilhelm IV. eine architektonische Reminiszenz an das frühe Christentum, dessen Zusammenhalt in der Glaubensgemeinschaft ür ihn vorbildlich war.

Der über 9 Meter hohe, 18 Meter lange und 8 Meter breite kubische Baukörper, mit östlich ausgebauter Apsis, ist von einem überdachten Arkadengang umgeben. So entsteht optisch der Eindruck einer dreischiffigen Basilika. Da der Säulengang auf einem halbrunden Fundament in die Havel ragt, wirkt die Kirche vom Wasser und vom gegenüberliegenden Ufer der Berlin-Wannseer Südwestecke unterhalb des Schäferbergs aus wie ein antikes Schiff, das vor Anker liegt. Die malerische Wirkung des Glockenturms wird durch die Wasserspiegelung noch steigert.

Die kannelierten Säulen haben anstelle von Kapitellen einen Palmettenring aus Zinkguss. An der Vorderfront wird die Säulenordnung durch zwei breite Sandsteinpfeiler unterbrochen. An ihnen sind in der Art von Votivtafeln Bibelzitate in den Stein gemeißelt, mit Worten aus dem Johannes-Evangelium Vers 1-16, sowie Kapitel 13 des ersten Korintherbriefes. Durch die Rundbogenfenster im oberen Teil des Langhauses – die Obergadenfenster – und die Fensterrose im Westgiebel, fällt Licht in das Innere der Kirche. Die mit gelblichrosa Backstein verblendeten Außenwände werden durch horizontale Streifen blauglasierter, gelbgemusterter Fliesen unterbrochen. Sowohl an griechische Tempelbauten als auch an frühchristliche Bauten erinnert die flache Dachneigung der verschiedenen Bauteile. Auf dem Scheitel des Daches schmückt ein Giebelkreuz aus Zinkguss die Vorderfront.

Der Campanile (Glockenturm)

Auf dem rechteckigen Vorplatz mit Exedra (halbkreisförmige Sitzbank) an den Schmalseiten, steht der über 20 Meter hohe Campanile (von lat. campana = Glocke). Der Turm hat die gleiche Backsteinverblendung mit dem eingelegten Fliesenmuster wie das Gotteshaus. Die Rundbogenöffnungen nehmen nach oben zu und enden im letzten Geschoss in einem offenen Belvedere. Den Abschluss bildet ein flaches Zeltdach mit Kugel und Kreuz.

Der Campanile trägt eine fast 600 Jahre alte Bronzeglocke. Ihr überliefertes, aber nicht belegbares Gussjahr soll 1406 sein. Erstmals erwähnt wurde sie im Jahr 1661. Die Glocke stammt vermutlich aus der alten Feldsteinkirche. Eine zweite Glocke ist 1917 und deren Nachfolgerin 1944 für die Rüstungsproduktion beschlagnahmt worden.

Im Sommer 1897 diente der Glockenturm den Physikern Adolf Slaby und Georg Graf von Arco für Versuche zur Perfektionierung der Funktechnik Marconis, die wesentliche Voraussetzungen für den Rundfunk schufen. Hier wurde die erste deutsche Antennenanlage für drahtlose Telegraphie errichtet. Am 27. August gelang die Signalübertragung zur 1,6 Kilometer entfernten kaiserlichen Matrosenstation „Kongsnaes“ am gegenüberliegenden Ufer des Jungfernsees in der Schwanenallee in Potsdam. Eine 1928 von Hermann Hosaeus geschaffene Gedenktafel über der Eingangstür des Campanile weist auf diesen Versuch hin. Im Zentrum der Tafel, die aus grünem Dolomit gearbeitet ist, befindet sich Atlas mit der Weltkugel, umgeben von Blitzen und der Denkschrift: An dieser Stätte errichteten 1897 Prof. Adolf Slaby und Graf von Arco die erste Deutsche Antennenanlage für drahtlosen Verkehr.

Der Innenraum

In der schlicht gehaltenen Kirchenhalle dominiert das Freskogemälde in der Apsis im byzantinischem Stil. Auf goldglänzendem Untergrund wird der thronende Christus mit dem Buch des Lebens dargestellt, umgeben von den vier Evangelisten Lukas, Matthäus, Johannes und Markus mit ihren Symbolfiguren Stier, Engel, Adler und Löwe. Über ihren Köpfen schweben im Halbkreis Engelsgestalten. Am Scheitel der Halbkugel sieht man die Taube als Sinnbild des Heiligen Geistes. Nach dem Entwurf eines der bedeutendsten Maler der deutschen Romantik, Carl Joseph Begas, führte Adolph Eybel das Gemälde 1845 in Freskotechnik aus. Im Halbrund des Vorjochs (Bema) wird die Farbgestaltung der Hallendecke, gelbe Sterne auf blauem Untergrund, wieder aufgenommen.

Der originale, freistehende Altartisch aus Zedernholz, wurde 1961 mutwillig zerstört. Seine Rekonstruktion war zunächst wegen unklarer Quellenlage nicht möglich. Das heute an seiner Stelle anzutreffende Provisorium soll aber im Jahr 2011 durch ein rekonstruiertes Original ersetzt werden. Dafür stehen der Kirchengemeinde Mittel des Bundes für den Erhalt des UNESCO-Weltkulturerbes zur Verfügung.

Das Kirchenschiff hat eine Kassettendecke mit sichtbarer Balkenkonstruktion. Die einzelnen Felder sind mit blauem Tuch bespannt und hellgelben Sternen ausgemalt. Zwischen den Obergadenfenstern stehen auf Konsolen Statuetten der zwölf Apostel aus Lindenholz. Sie wurden 1840/1844 von Jacob Alberty geschnitzt. Als Vorbild dienten die Apostelstatuetten an Peter Vischers Sebaldusgrab in St. Sebald in Nürnberg (um 1500) und von Christian Daniel Rauch gefertigte Modelle für den Berliner Dom.

Die Sitzbänke standen ursprünglich parallel zu den Längswänden und sind heute zu vier Blöcken in Richtung Apsis angeordnet. Die sehr hohen Rückenlehnen und die gleich hohen Türen zwischen den Bankreihen sollten jede Ablenkung vermeiden und die Blicke der Gläubigen auf den um drei Stufen erhöhten Altarraum, Kanzel und Lesepult lenken.

Der einzige Zugang in das Kirchengebäude liegt auf der westlichen Seite. In diesem Bereich ist vom Kirchenraum abgetrennt ein kleiner Sakristeiraum und die Treppe zur darüber liegenden Orgelempore. Die ursprüngliche Orgel von Gottlieb Heise aus dem Jahre 1846 hatte nur fünf Register mit angehängtem Pedal. Sie wurde 1907 durch größere Prospektpfeifen erweitert (Potsdamer Orgelbauwerkstatt A. Schuke) und hatte dann sechs Manual- und ein Pedalregister. 1961 wurde sie durch Vandalismus zerstört. Der Bau einer neuen Orgel konnte viele Jahre aus finanziellen Gründen nicht verwirklicht werden. Das neue Instrument wurde vollständig aus Spendengeldern finanziert und am 14. Juni 2009 in Dienst genommen. Mit 17 Registern auf 2 Manualen und Pedal ist es wesentlich größer als seine Vorgänger. Erbauer ist die Dresdner Orgelbauwerkstatt Wegscheider. Das äußere Erscheinungsbild ist eine nach fotografischen Quellen gefertigte Rekonstruktion des Gehäuses zum Zeitpunkt seiner Zerstörung. (Für nähere Informationen zur Orgel und zum Konzept des Orgelneubaus klicken Sie bitte hier.)

  

(Dieser Text basiert auf dem Artikel "Heilandskirche am Port von Sacrow" aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.)